Ernährungsgewohnheiten im Wandel
Zwischen Veggie-Boom, Lieferdiensten und alten Traditionen: Wie sich die deutsche Esskultur neu sortiert.
Noch vor wenigen Jahrzehnten galt in vielen deutschen Familien der sonntägliche Braten als Höhepunkt der Woche. Heute stehen in denselben Küchen oft Linsencurry, Bowl oder Tiefkühlpizza auf dem Tisch. Die deutsche Esskultur befindet sich im Umbruch, angetrieben durch Globalisierung, Klimadebatten und veränderte Arbeitswelten. Während die einen in der neuen Vielfalt eine Chance für mehr Gesundheit und Nachhaltigkeit sehen, beklagen andere den Verlust gemeinsamer Mahlzeiten und traditioneller Rezepte. Die Frage, wie Deutschland isst, ist damit längst auch eine Frage nach gesellschaftlichen Werten geworden.
Eine repräsentative Studie des Max-Planck-Instituts für Ernährungsforschung, für die 3000 Personen befragt wurden, zeigt, dass inzwischen knapp 40 Prozent der 18- bis 35-Jährigen ihren Fleischkonsum deutlich reduziert haben. Etwa zehn Prozent dieser Altersgruppe ernähren sich vegetarisch oder vegan. Laut Studienleiterin Prof. Dr. Anja Keller lasse sich daraus ein klarer Trend zur „Flexitarisierung“ ablesen, also zur bewussten Einschränkung tierischer Produkte. Als Hauptgründe würden Gesundheit, Tierwohl und Klimaschutz genannt. Gleichzeitig habe die Zahl der außer Haus verzehrten Mahlzeiten stark zugenommen, was die zunehmende Bedeutung von Kantinen, Imbissen und Lieferdiensten unterstreiche.
Im Hinblick auf die gesundheitlichen Folgen bewertet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) diese Entwicklung ambivalent. In einer aktuellen Stellungnahme wird betont, dass der höhere Konsum von Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten grundsätzlich positiv zu bewerten sei. Dennoch würden viele Menschen trotz guter Vorsätze zu viel Zucker, Salz und hochverarbeitete Fertigprodukte zu sich nehmen. Die Zunahme von Übergewicht und Typ-2-Diabetes, die laut Robert Koch-Institut inzwischen fast ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung betreffen, werde dadurch mitverursacht. Ernährungsmediziner wie Dr. Felix Brandt vom Universitätsklinikum Freiburg verweisen darauf, dass Ernährungskompetenz oft fehle, obwohl Informationen im Überfluss verfügbar seien.
Anders beurteilen Kultursoziologen den Wandel. Für die an der Universität Leipzig forschende Soziologin Dr. Miriam Vogt zeigt die Verbreitung vegetarischer und internationaler Küche eine gestiegene Offenheit und Individualisierung. Sie stellt fest, dass Essgewohnheiten zunehmend zur Identitätsbildung genutzt würden: Wer Bio kauft oder auf Fleisch verzichtet, sende damit auch soziale Signale. Gleichzeitig werde die klassische Familienmahlzeit durch flexible Essenszeiten und „Snackification“ ersetzt. Kritiker wie der Lebensmittelhistoriker Prof. Thomas Reuter warnen, dass dadurch die Funktion des gemeinsamen Essens als sozialer Anker verloren gehen könnte, zumal viele Menschen ohnehin unter Zeitdruck und Vereinzelung litten.
Eine weitere Triebkraft des Wandels ist die Digitalisierung. Essensliefer-Apps, Foodblogs und Influencer, die täglich neue Rezepte präsentieren, prägen besonders die Gewohnheiten der Jüngeren. Laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom bestellt bereits mehr als die Hälfte der unter 30-Jährigen mindestens einmal pro Woche online Essen. Diese Bequemlichkeit führe, so die Ernährungspsychologin Dr. Lena Maurer, zwar zu einer größeren Auswahl, begünstige aber auch impulsives Bestellen und übermäßigen Konsum. Zudem werde durch algorithmisch gesteuerte Werbung die Entscheidung für bestimmte Produkte stark beeinflusst, ohne dass diese Beeinflussung den Nutzenden immer bewusst wäre.
Angesichts dieser Entwicklungen wird in Politik und Wissenschaft verstärkt über eine Neuausrichtung der Ernährungspolitik diskutiert. Vorgeschlagen werden unter anderem eine verpflichtende Nährwertkennzeichnung in Kantinen, steuerliche Anreize für Obst und Gemüse sowie eine strengere Regulierung von Werbung für ungesunde Kinderlebensmittel. Die Befürworter argumentieren, eine solche Steuerungsfunktion des Staates sei notwendig, um die gesundheitlichen Folgekosten falscher Ernährung zu begrenzen. Kritiker befürchten hingegen eine „Bevormundung“ der Verbraucher und verweisen darauf, dass Esskultur immer auch Ausdruck persönlicher Freiheit sei. Insofern wird die zukünftige Gestaltung der deutschen Essgewohnheiten nicht nur in Küchen und Restaurants entschieden, sondern ebenso in Parlamenten, Supermärkten und sozialen Netzwerken.